25.05.2009 - Ein Kaffee mit ... "Eine Brücke für Menschen ohne Arbeit"

Der neue Prospekt kommt frisch daher. Das bunt gestaltete Werbemittel zeigt: Es herrscht Aufbruchstimmung in der „Wärchbrogg“, der geschützten Werkstätte am Alpenquai 4 in Luzern. Dahinter steht eine Person: Monica Walker, seit wenigen Monaten Geschäftsleiterin. Sie führt die Institution in die Zukunft.

Zusatzverdienst im Alter
Begonnen hat alles mit einer andern Frau: Gertrud Schreiber, heute 85jährig. Im Jahr 1962 ist sie kirchliche Sozialarbeiterin. Sie trifft auf Menschen im Pensionsalter, die gerne einen Zusatzverdienst hätten. Diesen Wunsch erfüllt Gertrud Schreiber und ermöglicht den Rentnerinnen und Rentnern, in einem bescheiden ausgestatteten Raum gegen ein Entgelt kleinere Arbeiten auszuführen. Die Geburtsstunde der „Wärchbrogg“ hat geschlagen. Später verändert sich der Arbeitsort und auch die Zielgruppe: Angesprochen werden Leute mit einer psychischen Beeinträchtigung, die damit nicht allein nur von den Sozialversicherungen abhängig sind.

Stadt als Kunde
Heute ist die geschützte Werkstatt am Alpenquai 4 Arbeitsort für 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie verpacken Werbematerial und Mailings, kontrollieren Handelsprodukte, montieren Kleinteile für die  Industrie und etikettieren Massenversände. „Damit erhalten sie einen Tagesrhythmus, der ihrem Leben Struktur gibt“, erläutert Monica Walker. Diese Menschen gehen einer sinnvollen Tätigkeit nach und erfahren einen ganz normalen Arbeitsalltag. Auftraggeber sind Unternehmen, die preisgünstig Massenaufträge abwickeln möchten. Kunde ist aber auch die öffentliche Hand. So lässt die Stadt ihr Abstimmungsmaterial in der „Wärchbrogg“ verpacken.

Nur noch eine Person
Monica Walker ist die erste Geschäftsleiterin. Vor ihr haben sich zwei Personen in diese Aufgabe geteilt. „Der Vorstand hat in einer Analyse festgestellt, dass für das weitere Wachstum eine Person zuständig sein sollte“, erläutert sie. Die Stelle ist ausgeschrieben worden und die Wahl auf die Nidwaldnerin gefallen, die bereits als Finanzfachfrau im Betrieb mitgearbeitet hat. Ihre beruflichen Erfahrungen sind vielfältig: Sie hat früher in einem Unternehmen die Finanzen betreut, in einem Alters- und Pflegeheim gearbeitet und im „Chinderhuis“ in Stans als Co-Leiterin gewirkt.

Stärken statt Defizite
In der „Wärchbrogg“ möchte Monica Walker den Arbeitenden Vertrauen entgegenbringen und Sicherheit vermitteln. „Mit Kopf, Herz und Hand“ führt sie ihr Team und achtet darauf, dass auch die kleinen Schritte und Erfolge wahrgenommen werden. „So normal wie möglich, so speziell wie notwendig“ begegnet sie ihren Leuten. Sie setzt auf Stärken statt auf Defizite, auch wenn ihr das „nicht immer leicht fällt“. Doch der Aufwand ist es wert, denn sonst wären diese Menschen ohne einen beruflichen Lebensinhalt. „Auch wenn sie grösstenteils von der IV leben, bedeutet ihnen das in der „Wärchbrogg“ verdiente Geld sehr viel.“

Neue Arbeitsfelder
Die Wirtschaftskrise hat sich auf die Auftragslage bei der geschützten Werkstätte noch nicht ausgewirkt. „Wir haben sehr viele Kleinkunden, die auf uns setzen“, sagt Monica Walker. Sie hat die Akquisition verstärkt und sucht neue Arbeitsfelder in der Pharma und der Medizin. Denn das Ziel ist klar: Die „Wärchbrogg“ muss einen Drittel der Einnahmen selber erwirtschaften, der Rest wird auf der Basis eines Leistungsvertrags durch den Kanton finanziert. Und ihm gegenüber muss die Werkstätte Rechenschaft ablegen. „Wir bewegen uns in einem wirtschaftlichen Umfeld und stehen dazu.“

Mehr Druck
Dass der Wind in der Privatwirtschaft rauer weht, zeigt sich bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. „Seit Anfang Jahr erhalten wir sehr viele Anfragen, insbesondere von Menschen, die wegen einer psychischen Beeinträchtigung nur noch bis zu 50 Prozent arbeiten können.“ Der Druck sei spürbar grösser geworden, das Berufsleben befinde sich im Umbruch, am Arbeitsplatz habe Hektik Einzug gehalten. Die „Wärchbrogg“ sieht es als ihre Aufgabe, eine Arbeitgeberin für Menschen zu sein, die in der Privatwirtschaft keinen Job mehr finden, weil sie beeinträchtigt sind.

Zeitgemässer Auftritt
Die Zukunft beurteilt Monica Walker optimistisch. Mit dem „Brändi“, der bekanntesten Arbeitstätte für behinderte Menschen, will sich die „Wärchbrogg“ zwar nicht vergleichen. „Nein, wir sind punkto Grösse, Struktur und Angebot zu unterschiedlich. Es sind zwei verschiedene Angebote für verschiedene Menschen“. Die beiden Institutionen haben jedoch eines gemeinsam: Sie suchen immer wieder neue Wege. Wie die „Wärchbrogg“ mit ihrem grafischen Auftritt.

Albert Schwarzenbach


Zur Person
Name: Monica Walker
Familie: Zwei Söhne: Michael (20) und Andreas (18)
Hobbys: Wandern, Malen, Lesen, Musik und Tanz
Lieblingsessen: Eglifilet auf Sauerkraut
Was mich freut: Blumen im Leben und gute Freunde
Was mich ärgert: Pessimisten und Vorurteile

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