28.04.2010 - Gertrud Schreiber gibt Auskunft
Von der «Arbeitsgruppe zur «Werkstätte»
In ihrer Arbeit als engagierte Fürsorgerin in der Luzerner Pfarrei St. Leodegar begegnete Getrud Schreiber immer wieder betagten und behinderten Menschen, «für die Arbeit ein Segen gewesen wäre». 1962 machte sich die Sozialarbeiterin deshalb kurz entschlossen auf die Suche nach Arbeitsmöglichkeitenfür diese Menschen.Das war der Beginn der Wärchbrogg.

Die 86-jährige Gertrud Schreiber in der Wärchbrogg: «Ich freue mich, dass mein Werk auf gute Weise weitergeführt wird.»
ks. «Nein», sagt Gertrud Schreiber am Telefon, «vor Ende Woche können Sie nicht vorbeikommen.» Am Freitag dann sitzt sie am Tisch in ihrer Wohnung im Luzerner Wesemlin-Quartier und hat all die Unterlagen vor sich, die sie für ein Interview als nötig erachtet. Rasch stellt sich jedoch heraus, dass die 86-Jährige alles Wichtige aus der Geschichte der Wärchbrogg in ihrem Gedächtnis gespeichert hat. Die aus dem Archiv herausgesuchten Papiere erübrigen sich.
Gertrud Schreiber wurde 1924 in Luzern geboren. Nach der Sekundarschule besuchte sie eine Handelsschule. Sie arbeitete unter anderem im Büro des Kantonalen Katholischen Frauenbundes. Ende der Vierzigerjahre absolvierte sie die Soziale Frauenschule. Als die Pfarrei St. Maria zu Franziskanern als erste Pfarrei in der Stadt eine Fürsorgerin suchte, übernahm Gertrud Schreiber diese Stelle. Später wechselte sie in die Pfarrei St. Leodegar und führte dort ihre Arbeit bis zur Pensionierung fort. Gertrud Schreibers grosse Leidenschaft ist die Musik. Sie spielte viele Jahre Violine.
Wie kam es konkret zur «Grundsteinlegung» der Wärchbrogg?
Gertrud Schreiber: Als Fürsorgerin in der Pfarrei stellte ich immer wieder fest, dass manchen betagten, depressiven Menschen mit Arbeit am besten geholfen wäre. Als ich beruflich eine Firma besuchte, die Heimarbeit vergab, fragte ich deshalb kurzerhand nach Arbeit für diese Leute. Ich dachte konkret an vier Frauen, von denen eine bereits versucht hatte, Selbstmord zu begehen.
Ich erhielt von der Firma Arbeitsmuster für die Herstellung von Weihnachtsschmuck in Heimarbeit. Doch die Frauen lehnten das Angebot ab. Ich liess nicht locker und schlug den Frauen vor, die Arbeit gemeinsam zu verrichten. Und siehe da: Alle waren sofort einverstanden. Und so begannen wir am 3. Oktober 1962 im Pfarrhaus St. Leodegar mit der Fertigung von Weihnachtsschmuck.
Ging es den Frauen danach tatsächlich besser?
Nicht nur ihnen, sondern auch weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Denn die «Arbeitsgruppe», so nannten wir diesen neuen Zweig der Sozialarbeit in der Pfarrei, wurde rasch beliebt. Es kamen immer mehr Leute, die mitarbeiten wollten.
Reichte denn der Auftrag zur Herstellung von Weihnachtsschmuck für alle?
Nein, natürlich nicht. Ich begab mich sozusagen auf Geschäftsreise und bemühte mich vor allem bei Druckereien um Aufträge. Wir erhielten Einlege- und Falzarbeiten. Später kamen vielfältige Aufträge hinzu: Elektrotechnische Montagen, Verzieren von Kerzen und Näharbeiten.
Wir wechselten mehrmals die Lokalitäten, waren zeitweise mit dem Hauptbetrieb im Hotel Kolping und mit einer Filiale an der Gibraltarstrasse stationiert. Schliesslich konnten wir mit der «Werkstätte für Betagte», so der offizielle Name, in die Pfarrei zurückkehren, und zwar in die ehemalige Hofschule des Stifts St. Leodegar. Wichtig ist: Neben mir waren viele freiwillige Helferinnen und Helfer am Aufbau der Werkstätte beteiligt.
Welches Fazit ziehen Sie aus dieser Arbeit rückblickend?
Wir konnten der Vereinsamung und Isolierung von älteren, benachteiligten Menschen entgegenwirken. Mit einem angepassten Platz im Arbeitsleben konnten wir ihnen zu neuem Lebensinhalt, zu Freude und Selbstbewusstsein verhelfen. Ich schaue mit Dankbarkeit zurück und bin froh, dass mit der Wärchbrogg das Werk auf eine gute Weise weitergeführt wird.
