28.05.2010 - Gute Laune im normalen Alltag
Am liebsten etwas Reales
Daniela Christen arbeitet jeden Vormittag in der Wärchbrogg. Den Nachmittag verbringt sie im Tageszentrum, wo sie Gleichgesinnte trifft und Kurse besucht. Seit sieben Jahren hat sich ihre psychische Beeinträchtigung stabilisiert.
pb. «Die Atmosphäre ist sehr angenehm, wir haben es gut. Das ist auch der Grund, warum man am Morgen aufsteht.» Daniela Christen lächelt. Selbstverständlich ist das nicht. Es gab auch -Zeiten, da sie im Bett liegen blieb, herumhing und nie richtig zufrieden war. «Die Wärchbrogg gibt mir eine Struktur. Ich habe etwas zu tun, bin beschäftigt. »
Daniela kann fast alles erledigen, was an Aufträgen herein kommt. Entsprechend vielfältig wird sie eingesetzt. «Zurzeit sind wir gerade dabei, für eine grosse Versicherungsfirma ein Notfalletui zusammenzustellen.» Ein besonders genaues Arbeiten sei bei gewissen Industrie-Aufträgen erforderlich. «Ich mache vor allem das gerne, wo man sich etwas überlegen und mitdenken muss.»

Davongelaufen
Als Jugendliche hatte Daniela eine schwierige Zeit. Zwei Lehren hat sie abgebrochen. Sie sagt es ziemlich trocken: «Ich war einfach eine komische Jugendliche. Mit 20 Jahren kam ich in die Psychiatrie.» Mit 23 Jahren absolvierte sie eine Lehre als Textil-Verkäuferin. Dann arbeitete sie zwei Jahre in der Früchte- und Gemüse-Abteilung eines Grossverteilers. «Dort wurde es immer schwieriger für mich, bis es nicht mehr lustig war. Da bin ich davongelaufen.»
Trotz Rückschlägen und Schwierigkeiten aufgrund ihrer Psychose hat es Daniela Schritt für Schritt geschafft, sich in der sogenannten Normalität wieder zurechtzufinden. «Ich habe mich mit meiner Krankheit auseinandergesetzt. Ich habe gelernt, mich zu öffnen, mich mit andern Leuten auszutauschen. Auch die Medikamente haben sich verbessert. So kann ich sagen, dass ich seit 2003 meine Krankheit einigermassen im Griff habe.»
Kultur ist wichtig
Die regelmässige Tätigkeit in der Wärchbrogg ist ein wichtiger Teil in Danielas Alltag, um diese Stabilität weiter aufrechterhalten zu können. Das gilt auch für das Tageszentrum des Hilfsvereins für Psychischkranke, wo sie jeweils an den Nachmittagen vorbeigeht. Dort kennt sie viele Leute und kann sich auf sinnvolle Weise die Zeit vertreiben: Mit Ölfarben malen, Spiele machen, an kreativen Ateliers und Kursen teilnehmen, Lotto spielen, Ausflüge machen. «Manchmal bereite ich für das Abendessen den Salat zu. Es ist immer etwas los.»
Letztes Jahr war Daniela mit einer Gruppe eine Woche lang in Kreta. Das hat ihr sehr gefallen. Im Alltag geht sie gerne ins Kino, liest, hört Musik. Ihr absolutes Lieblingsbuch ist «Auf der Spur des Morgensterns» von Dorothea Buck. Die Autorin erzählt darin über ihre Psychose und ihre Erfahrungen mit der Psychiatrie. «Wenn ich lese, wie das vor 60 Jahren zu und herging, bin ich direkt froh, dass ich in der heutigen Zeit krank geworden bin.»
Ob bei Filmen oder in Büchern: Daniela bevorzugt das Echte und Dokumentarische. Actionfilme oder Science-Fiction sind nicht ihr Ding. «Es muss möglichst real sein. Wenn eine Geschichte zu fest abgehoben ist, kann ich nichts damit anfangen.» Erfahrungen mit verzerrten Realitäten hat sie genug gehabt. In der Musik hat sie es gerne melodiös und harmonisch. Am liebsten hört sie Weltmusik. «Das hat auch wieder mit andern Menschen und Kulturen zu tun.»
Ihr grösster Traum wäre, wieder ganz gesund zu werden. Daniela macht sich nichts vor. «Vielleicht verschwindet meine Krankheit im Alter, vielleicht muss ich bis ans Lebensende Medikamente nehmen. Beides kann mir passieren.» Trotzdem ist sie froh, wie es ihr heute geht. «Ich lebe solide und bin in Strukturen, die mir eine Sicherheit geben. Dazu gehört auch die Wärchbrogg. Das trägt alles dazu bei, dass ich eine gute Lebensqualität habe.»
Daniela Christen: «Gute Laune im normalen Alltag»
