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Eine Pionierin der Sozialen Arbeit

Wärchbrogg: Frau Schreiber, wenn man sich ein wenig umhören würde in sozialen Kreisen, würden Sie wohl oft als Vorbild genannt. Haben Sie selbst für Ihre Tätigkeit ein Vorbild gehabt? Gertrud Schreiber: Ein Vorbild habe ich eigentlich nie gehabt. Aber Menschen um mich herum, von denen ich einiges lernen und mir etwas für mein späteres Tun abschauen konnte. Nach meiner Ausbildung zur Sozialarbeiterin an der Sozialen Frauenschule (heutige Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Anm. d. Red.) habe ich zuerst beim Katholischen Frauenbund in der Administration gearbeitet. Dort habe ich die damalige kantonale Berufsberaterin Julia Annen kennengelernt. Sie war eine, die angepackt und sich für Menschen eingesetzt hat. Das hat mir gefallen und hat mich wohl ermutigt, selbst auch initiativ zu sein. Aber das Vorangehen, Anpacken, das liegt mir im Blut, so bin ich einfach.

Was gab den Ausschlag dafür, dass Sie Arbeit für Seniorinnen, Senioren und Menschen mit Einschränkung wollten? Es gab mehrere Gründe. Nach meiner Tätigkeit beim Katholischen Frauenbund fand ich eine Anstellung als Sozialarbeiterin im Pfarramt St. Leodegar bei Pfarrer Bühlmann. Durch meinen täglichen Kontakt mit den Menschen, gerade mit älteren oder beeinträchtigten Menschen, die ich in der Pfarrei antraf, dachte ich bei Einzelnen, dass es ihnen gut täte, sich noch irgendwie nützlich machen zu können. Als ich eines Tages für die Erstkommunikanten die Holzkreuzchen besorgen musste, kam ich mit dem dortigen Werkstattleiter ins Gespräch, denn in dem Raum waren Frauen mit dem Herstellen von Weihnachtsschmuck beschäftigt. Sofort ging mir durch den Kopf, dass solche Arbeit etwas für die pensionierten Frauen sein könnte, die ich von St. Leodegar kannte. Und so erkundigte ich mich beim Werkstattleiter, ob er viel Arbeit hätte, denn ich wüsste ebenfalls ein paar Leute, die ich gerne beschäftigen würde. So kam eins zum anderen und schliesslich konnte ich vier Frauen für den ersten Auftrag mit dem Weihnachtsschmuck gewinnen. Wie haben Sie sich organisiert, wo fanden Sie Unterstützung? Es war so, dass ich selbst die Fäden in der Hand hatte und umtriebig war. Aber Pfarrer Bühlmann liess mich schalten und walten, denn ich organisierte alles sozusagen nebenher, neben meiner Tätigkeit als Sozialarbeiterin der Pfarrei. Natürlich brauchten wir eine Lokalität, in der wir arbeiten konnten. Die Pfarrgemeinde hat uns erlaubt, in der Hofschule das Konferenzzimmer zu nutzen, das war eine wertvolle Unterstützung unserer Arbeit. Einmal gestartet, benötigten Sie nun Aufträge, um die Leute weiter zu beschäftigen. Wie sind Sie vorgegangen? Ich habe immer die Augen und Ohren offen gehalten und bin mit möglichen Auftraggebern ins Gespräch gekommen. Es liegt mir wohl einfach, auf die Menschen zuzugehen. Das zeigte sich bereits in jungen Jahren: Ausgerechnet an meinem 20. Geburtstag musste ich im Rahmen meiner Ausbildung einen Vortrag halten. Einer der Professoren attestierte mir anschliessend, dass ich ein Talent besässe zum Auftreten und Referieren. Dieses Talent ist mir beim Einsatz für die Seniorinnen und Senioren und die sozial Schwächeren stets zugutegekommen. Denn bald erhielten wir umfassendere Aufträge von Druckereien und konnten zahlreiche Aufträge übernehmen, bei denen wir vor allem Kuverts bestückt und abgepackt haben. Und einmal waren Sie sogar für das Bistum Basel tätig. Wie kam es dazu, dass Sie vom damaligen Bischof Wüst ein Diplom erhielten? Das war eine Geschichte! Eines Tages erfuhr ich, dass wir für die Synode der katholischen Kirche für alle Pfarrämter der Diözese die Unterlagen abpacken sollten – ein riesiger Auftrag für uns. Die Freude war gross, aber gestaunt haben wir auch nicht schlecht, als eines Morgens ein Lastwagen vorfuhr mit all dem Material, das wir abpacken sollten. Die Gänge in der Hofschule waren nun während Wochen mit Kisten verstellt – und wir hatten alle Hände voll zu tun. Es klappte alles reibungslos, der Versand gelang einwandfrei. So kam es, dass Bischof Wüst mir ein Diplom überreichte für unsere Arbeit. Das war eine Würdigung für alle, die mitgearbeitet hatten. Mehr Arbeit bedeutet auch mehr Personal. Hatten Sie immer genug Leute zur Verfügung, wenn Sie grössere Aufträge akquirieren konnten? Es hat sich so rasch herumgesprochen, dass man in der Hofschule als Pensionärin noch etwas hinzuverdienen kann, dass ich stets genug Mitarbeitende hatte. Kein einziges Mal in all den Jahren habe ich ein Inserat geschaltet – die Leute kamen von alleine, es schien ein Bedürfnis zu sein. Sie kamen gerne, haben freudig gearbeitet, auch wenn wir nur wenig bezahlen konnten im Stundenlohn, nämlich rund einen Franken. Als zusätzliches Dankeschön veranstalteten wir dafür regelmässig kleine Feiern im Rothenburgerhaus der katholischen Kirche Luzern. Die grosse Motivation hat sicherlich dazu beigetragen, dass wir stets qualitativ hochstehende Arbeit abliefern konnten. Das hat uns ausgezeichnet. Dazu waren allerdings entsprechende Aufsichten nötig, eine Qualitätskontrolle. Hierfür konnte ich jeweils fachversierte Pensionäre als Leiter engagieren. In der Buchhaltung, die wir nun ebenfalls zu führen hatten, unterstützten uns Fachkräfte ehrenamtlich. Nun gab es den Standort mit Werkstattarbeiten für betagte und beeinträchtigte Frauen und Männer in der Hofschule. Bald darauf entstand aber noch ein zweiter Standort: jener im Gibraltarhaus. Ja, zu diesem Standort sind wir durch Zufall gekommen. Meine Tätigkeit in der Pfarrei St. Leodegar umfasste auch den Einsitz an den Besprechungen des katholischen Vinzentiusvereins (1866 gegründet und 1998 aufgelöst, Anm. d. Red.), eine Laienbewegung, die sich um die Ärmsten kümmerte und sich der Fürsorge verschrieben hatte. In diesem Rahmen führte der Verein an der Gibraltarstrasse einen Kindergarten, der aufgelöst werden sollte, wie ich an einer der Sitzungen vernahm. Und so kam es, dass wir einen zweiten Standort für unsere Tätigkeiten hatten. Wir nutzten die Räumlichkeiten im Gibraltarhaus fortan vor allem für Näharbeiten; die Nähmaschinen stellte uns die Caritaszentrale kostenlos zur Verfügung. Es wurden beispielsweise Kissenbezüge genäht, aber auch unter Aufsicht Kerzen kunstvoll verziert für Balthasar in Hochdorf, eine anspruchsvolle Arbeit. Eindrücklich war zu sehen, wie die Menschen, die hier arbeiteten, wieder Verantwortung übernahmen. So organisierten sie sich selbst, als die Leiterin ausfiel, die für den Standort zuständig war. Die Frauen verteilten die Arbeit untereinander: Jemand verwaltete die Schlüssel, eine weitere Person übernahm die Raumreinigung usw. Der Standort konnte erhalten bleiben, bis 1977 die Betriebe Werkstatt und Nähatelier aus Platzgründen zusammengelegt wurden und ein neuer, gemeinsamer Standort gesucht werden musste. Sie sind eine Frau mit Pioniergeist und Ideen, die die Sozialarbeit im Kanton Luzern geprägt und verändert hat. Woher nahmen Sie die Kraft? Bestärkt hat mich bestimmt, dass ich immer furchtlos war. Ich wusste ja nie, ob es gut herauskommt, ich habe wirklich nie lange überlegt, sondern einfach gemacht. Mein Mut wurde belohnt und das wiederum hat mir Kraft für weitere Umsetzungen gegeben. So habe ich zusätzlich einige Gruppen gegründet: das Altersturnen, wofür ich eine talentierte Gymnastikerin als Leiterin gewinnen konnte, oder eine Wandergruppe, eine Singgruppe und nicht zuletzt eine Diskussionsgruppe. Für all diese Gruppen habe ich entsprechende Fachpersonen engagieren können, die sich ehrenamtlich betätigten. Wozu haben Sie eine Diskussionsgruppe für Seniorinnen und Senioren gegründet? Ich habe eine Juristin kennengelernt und sie angefragt, ob sie jeweils vor Abstimmungen mit den Leuten darüber diskutieren würde. Mir war wichtig, dass man sich offen austauschen und informieren konnte, und so wurde die Gruppe vor Abstimmungen rege genützt. Viele von Ihren sozialen Gründungsgedanken werden heute noch weiter­getragen und haben sich be­währt. Die heutige Wärch­­brogg ist inzwischen 55-jährig. Es gibt sogar noch zwei Mitarbei­-
tende am Alpenquai, die bereits unter Ihrer Leitung gearbeitet haben. Frau Schreiber, was wünschen Sie der Wärch­brogg für die Zukunft? Ich wünsche ihr, dass sie stets eine so vorbildliche und engagierte Leitung hat wie die derzeitige unter Monica Weibel. Wichtig ist mir, dass genug Arbeit da ist und dass die Menschen gerne zur Arbeit kommen. Und nicht zu vergessen sind ein guter Vorstand, der mitträgt, und ein Freundeskreis, der stets unterstützt und mithilft. (Interview: nh)

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